Gesang, Interpretation und Ausbildung im Bereich Popularmusik/ Jazz
Die Identität eines Gesangsinterpreten populärer Musik umfasst die Gesamtheit
seiner persönlich bestimmten und individuellen Merkmale. Das betrifft neben den
Äußerlichkeiten, die gerade in der Popmusik eine enorme Rolle spielen, natürlich
seine Stimme. Charisma in der Stimme sichert den Wiedererkennungseffekt bei den
Hörern und provoziert bei ihnen emotionale Reaktionen.
Der eine Hörer lässt sich
aufwühlen durch Bryan Adams, Rod Stewart, Anastacia oder Tina Turner. Der andere
beruhigt sich und seine Nerven mit Nora Jones, Nat King Cole oder Anita Baker.
Die Gesangsinterpreten wirken authentisch, wenn ihnen anzumerken ist, dass sie
eine Gesangsart gewählt haben, die ihren Neigungen entspricht und in der sie ihre
Identität hundertprozentig überzeugend zum Ausdruck bringen können. Dabei ist die
„Klangschönheit“ nicht der entscheidende Schlüssel, ebenso wenig, wie die stimmliche
Entwicklung von Sängern populärer Musik allein mit Begriffen aus der klassischen
Stimmbildung zu definieren ist. Zu vielfältig sind die Möglichkeiten der
unterschiedlichen Stimmen, die eingebunden in eine Musikproduktionen, vor
einem Mikrofon Stimmklänge problemloser produzieren können, als sie sich nach der
Abmischung sogar für geschulte Ohren tatsächlich anhören. Die Gesangsart „Natürlich
entspannt“ ist mit Mikrofon sinnvoll einsetzbar und wird durch ihren unprätentiösen
Klang als angenehm und entspannend empfunden.
Sie wird von vielen Interpreten
wirkungsvoll in ganz unterschiedlichen Musikstilen angewandt, z.B. von Sade, Mark
Knopfler, Paul Kuhn, Nora Jones. In der Gesangsart „Natürlich verdichtet“ ist das
Naturtimbre der Person durch eine intensivierte Atemunterstützung komprimiert. Von
Schlager bis Jazz, diese Gesangsart ist am häufigsten hörbar, z.B. bei Nicole,
Alexander, Joy Denalane, Bill Withers. Stark kontrollierter Atemfluß und weit geöffnete
Resonanzräume sind verantwortlich für den charakteristischen Klang der Gesangsart
„Expressiv geweitet“. Er wird angewandt von Shirley Bassey, Luther Vandross,
Tom Jones und Melanie Thornton. Im „Expressiv mit Belting“ schmettern vor allem die
Frauen, z.B. Angèlique Kidjo, Linda Eder oder Marianne Rosenberg.
„Expressiv verdichtet“ wird der Stimmklang, in dem sonst weit geöffnete Resonanzräume
verengt werden, z.B. durch die leicht nach hinten verlagerte Zunge. Stimmliche
Eigenheiten, wie ein Kratzen in der Stimme, Näseln oder Knödeln, bewusst beibehalten,
werden zum Markenzeichen bei z.B. Eros Ramazotti, Bonnie Tyler, Herbert Grönemeyer,
Nelly Furtado, Anastacia oder James Brown.
Wie einem Modetrend, dem wir uns anschließen
oder nicht, sollten wir als Sänger die verschiedenen Gesangsarten ausprobieren und
hinterfragen: Was liegt mir und was nicht? Was entspricht meinen persönlichen Neigungen?
Auch wenn die Gesangsart mir bei anderen Sängern unheimlich gut gefällt, kann ich sie
überzeugend und längerfristig stimmschonend anwenden? Dabei kommen die Sänger durch
Imitation zum Ziel: Stimmklänge werden nachgeahmt, musikalisch interessante
Phrasierungen werden kopiert bevor sie in eigener Manier weiterentwickelt werden,
stimmspezifische Effekte werden anfangs unbewusst, nach einer Gesangsausbildung
ziel- und stilsicher eingesetzt. Ein Sänger populärer Musik wird durch das Imitieren
seiner Lieblingssänger und durch die Annahme seiner Identität zur ausgereiften
Interpretenpersönlichkeit: ganz in der Tradition seiner Vorbilder und trotzdem
unverwechselbar.
Weiterführende Literatur:
„Stimmausbildung in der Popularmusik“ (Buch mit CD)
Henschel Verlag / Berlin, 2003
„Ich will singen - Pop Music Training“ (Buch mit CD)
AMA Verlag / Brühl, 2004
www.martina-freytag.com
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